buhs Montagsreport: Schule digital
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Bildung

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Schule digital***

2000 - wie alles begann*


Berlin. Nachdem sich die Welt um mich herum unübersehbar verändert hatte und selbst die Kaufhauskassen eigene Bildschirmschoner zeigten, dämmerte mir langsam, dass ich, wollte ich nicht als C64-er über Bord gehen, meine Arbeit umfassend revolutionieren müsse. Ich bin Lehrer für Mathematik, von einem Stande also, den schon Pythagoras von Samos so ausübte wie wir heute. Im Mathematikunterricht der letzten 200 Jahre hat es nur zwei Veränderungen gegeben: Laisser-faire ist als Form der Disziplin allgemein anerkannt, und das Eintrichtern elementarer Weisheiten zu Zins- und Bruchrechnung wurde ersetzt durch


drei Stunden mit den Themen
" Der Taschenrechner als Naturgesetz",
" Der Taschenrechner als Urform mathematischen Denkens"
und
" Der Computer als Taschenrechner".
Meinen Kindern verdankte ich den Besitz eines Penti-Umrechners samt einiger Anhängsel, die sie als veraltet mir überlassen hatten. Ich stellte fest, dass in meiner Schule ähnliche Geräte zur Nutzung herumstanden, so dass ich eine Idee bekam: Ich beschloss, der Weißheit der Kreide zu entsagen und eine Multimedia-Unterrichtseinheit zu schaffen, von der noch Generationen als "Aufbruch in ein neues Zeitalter des pädagogischen Informationstransfers" sprechen sollten, mindestens aber eine, die den Schulrat bei der nächsten Begutachtung begeistern sollte. Für dieses ehrgeizige Ziel plante ich die erste Woche der Sommerferien ein.

Zunächst klärte ich für mich den Begriff Multimedia. Ich las zwei Fachzeitschriften, informierte mich in einer Online-Buchhandlung und ließ mir danach von meinen Kindern erklären, was ich nicht verstanden hatte: Also was Multimedia ist und was man dafür benötigt.

Anschließend erwarb ich das Paket "Super Point plus" mit diversen Extras, die "Tools" genannt wurden. Meine Tochter brachte alles auf der Festplatte unter; das Paket brauchte ich ja auch noch in der Schule.

Jetzt ging ich ans Werk: Als Thema hatte ich mir "Rotationskörpervolumina und Integration" ausgesucht, da man dort wohl viele schöne Effekte einbauen könnte. Vorbereitet hatte ich zwei Filme voller Fotos, diverse Zeichnungen in anim-art (alles eingescannt) und eine CD voller verschiedenster Geräusche. Auch an ein Mikro hatte ich gedacht.

Ich startete also "Super Point plus" mit den diversen Tools, wurde von einer freundlichen Stimme mit "Willkommen" begrüßt und erlebte staunend, wie sich 17 Fenster öffneten und überlagerten, wie Bilder aus dem Nichts erschienen und hin- und hersprangen, Schriften wuchsen und sich verfärbten, alles begleitet von einer Geräuschkulisse, in der ich Beethoven, Dieter Bohlen und etwas Punk zu erkennen glaubte. Dann wurde alles ein farbensprühender Tornado, der nahtlos überging in ein Fenster mit einem hüpfenden Pinsel**, der grinste, mit den Augen zwinkerte und sprach: "Erster Tipp: Das alles können Sie auch! Einfaches Drag&Drop, Click&Save und BackUntilReboot macht Sie in Sekunden zum Multimedia-Champ! Nächster Tipp? Abbrechen? Nochmal?"

Das war stark! Wenn der Pinsel mit meinen Augen und meiner Stimme - und ich hatte ja auch das Mikro! In diesem Moment gab es einen leisen Piepton, das Bild verschwand und der Computer startete neu. Nach Scandisk vermisste ich mein Hintergrundbild. Beim zweiten Start von "Super Point plus" erschien nur noch ein weißes Blatt, umrahmt von grauen Buttons, die einen etwas abgenutzten Eindruck machten. Den Pinsel sah ich nie wieder, mein Hintergrundbild übrigens auch nicht.

Jetzt ging es los: Mit dem Handbuch in der Hand (wo sonst, es ist ja kein Taschenbuch) platzierte ich ein schönes Foto von mir (böse Zungen behaupten, es gäbe nur schöne FOTOS von mir), legte etwas Schrift darunter und fügte von der CD einen Klang (Verkehrsunfall, ein anderer ließ sich nicht einfügen) hinzu. Die Schrift sollte eigentlich über das Bild, aber nach sieben Stunden konnte ich das Handbuch nicht mehr halten; außerdem tränten mir sowieso die Augen; es war also egal.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück ging es weiter. Beim Start von "Super Point plus" fiel mir auf, dass mich am vergangenen Abend niemand, schon gar nicht der Pinsel, nach "Speichern" gefragt hatte. Also begann ich von vorn.

Bis zum Mittag hatte ich zwei Seiten erschaffen: mein Startbild (wieder) und eine Seite, auf der ein Rotationskörper (eine Mehrwegflasche) zu sehen war. Diesmal speicherte ich von ganz allein, was aber bei "Super Point plus" scheinbar nicht vorgesehen war. Nach 13 Abfragen der Art "Jetzt speichern?", Wirklich JETZT speichern?", "Jetzt wirklich SPEICHERN?" und "So schön isses doch gar nicht!" hatte ich auch das vollbracht.

Nach dem Mittagessen verbrachte ich den Nachmittag damit, meine Datei zu suchen, die sich eigenartigerweise im e-Mail-Ordner unter "Trash" befand.

Ich will jetzt niemanden langweilen, deshalb nur kurz: Nach den Sommerferien hatte ich eine wunderbare Multimediashow mit insgesamt fünf verschiedenen Seiten hergestellt. Sogar ein kleines Feuerwerk (mit Ton!) und eine Laufschrift
Ich danke allen Beteiligten
war mir gelungen.

In den sechs Wochen hatte ich einiges geleistet: Neben der Show hatte ich herausgefunden, wozu die Tools gut waren. Tools sind Werkzeuge, mit denen man alles auf einmal wieder rückgängig machen kann, auch wenn es einem gefällt. Die Erklärung für den Namen meines Rechners (Pentium) fand sich interessanterweise in "Super Point plus"-Handbuch. Rechner werden, so las ich staunend, nach ihrer Bewertung bei der Endkontrolle bezeichnet. Außerdem habe ich Fehlermeldungen meines Computers gesehen, von denen ich nie geahnt hätte, dass es sie gibt: "Kein Diskettenlaufwerk gefunden. Legen Sie die Diskette mit der Aufschrift A:\ ein." oder "Zuwenig freier Speicherplatz; bitte halten Sie Papier und Stift bereit." Außerdem hatte ich fünf Kilo abgenommen. Meine Festplatte kenne ich jetzt auswendig, weil meine Show bei jedem Speichern den Ort wechselte. Der Scanner begrüßt mich jetzt mit "Willkommen", und mein Drucker zwinkert ständig mit seinen Anzeigen.

Aber egal - meine Show stand. Sie umfasste 71,4 Megabyte und passte somit nicht ganz auf eine Diskette. Also schickte ich sie mir selbst per e-Mail an meine Schuladresse.

Am ersten Schultag stürzte ich erwartungsfroh nach der Belehrungsstunde an den Computer. Die e-Mail war da! Und auch der Anhang - meine Show! Der Anhang war 12 KB groß. Beim Starten der Multimediashow wurde der Bildschirm schwarz, und die Pinselstimme ertönte:" Nächster Tipp? Abbrechen? Nochmal?"

Da habe ich mir beim Hausmeister ein Paket Kreide geholt.

buhdamals noch MM

*: Der Artikel ist tatsächlich schon 20 Jahre alt und wurde nur unwesentlich verändert.
**: Falls das jemand verpasst hat: Es gab damals in MS-Office tatsächlich eine(n) sprechende(n) Büro(Karl)klammer, die ungefragt uninteressanten unbrauchbaren Unsinn unter User streute.
***: Wie man in letzter Zeit sehen konnte, sind wir 20 Jahre später noch nicht wesentlich weiter. Nicht dass das an den durchaus bildungswilligen Lehrern liegt; aber wenn die Senatsschulverwaltung sogar die Einrichtung von E-Mail-Adressen für Lehrer oder die Finanzierung von Systemadministratoren für Schulen für überflüssig hält, von digitalen Klassenbüchern, genügend Mailspeicher für Schulleiter oder der Einrichtung von Social-Scooling-Bereichen**** mal ganz abgesehen...
****: Mal knaggix fragen.


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"buhs Montagsreport: Schule digital" | 2 Comments
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Re: Schule digital
von: Delastelle am: Di. 15. September 2020 01:28:54
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Hallo buh!

Die Weisheit der Industrie ist ja auch "Kompatibilität brauchen wir nicht". So werden nach Windows XP ältere Programme normalerweise nicht mehr unterstützt. Unsere Dateiformate von 2020 wird in 10 Jahren vielleicht keiner mehr lesen können. (Turmbau von Babel digital)

Viele Grüße
Ronald\(\endgroup\)
 

Re: Schule digital
von: Goswin am: Mi. 16. September 2020 03:22:39
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Ich habs verstanden!  Ich habs verstanden!  Halleluja!

(Ich meine natürlich *den Artikel*. Von Microsoft-Office oder ähnlichem habe ich keine blasse Ahnung)\(\endgroup\)
 

 
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